Grüne Liste Hirschberg: 100 Jahre Frauenwahlrecht in der ehemaligen Synagoge gefeiert / Brantner: „Auf in die nächsten Kampfesrunden!“

Bericht der WN vom 21.01.2019

Da liegt noch viel im Argen: Grünen-MdB Franziska Brantner bei ihrer Rede zum Thema 100 Jahre Frauenwahlrecht in Hirschberg. Bild: Philipp ReimerHirschberg. Es war eine Wahlbeteiligung, von der heutige Demoskopen nur träumen können: 80 Prozent der Frauen gingen zu den Urnen, als in Berlin die Nationalversammlung gewählt wurde. Zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands hatten sie am 19. Januar 1919 das Recht, landesweit zu wählen – da sich dieser Tag jetzt zum 100. Mal jährte, beging ihn die Grüne Liste Hirschberg (GLH) sozusagen punktgenau mit einer Feierstunde.

Die ehemalige Synagoge war voll besetzt, und Ortsvereinssprecherin Claudia Helmes freute sich über den festlichen Rahmen. Einen Monat nach der denkwürdigen Wahl, am 19. Februar 1919, ergriff erstmals eine Frau im Reichstag das Wort. Das Protokoll von damals vermerkte „Heiterkeit“, als Marie Juchacz das Gremium mit „Meine Herren und Damen“ begrüßte. Umso selbstbewusster fuhr die Sozialdemokratin fort, dass die Frauen nicht dankbar sein müssten: „Was diese Regierung den Frauen gegeben hat, war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.

Franziska Brantner zitierte aus der Rede und erinnerte daran, dass die Frauenbewegung „von Anfang an international vernetzt“ gewesen sei: Schon 1907 gab es in Stuttgart eine Konferenz unter Regie von Clara Zetkin, so die Bundestagsabgeordnete. Doch seien die Frauen in vielen Fragen auch uneins gewesen. Bürgerliche, Sozialistinnen und Kommunistinnen hätten gestritten, wie sie vorgehen müssten: Erst mehr Bildung, erst Gleichberechtigung auf Länderebene, oder erst Abschaffung des alten Dreiklassen-Wahlrechts? „Gewonnen haben die Frauen nur, als sie sich zusammengeschlossen haben.

 

“Wie es dazu kam, stellte Manju Ludwig zuvor in einem geschichtlichen Abriss dar, der zum reinsten Parforceritt durch die deutsche Geschichte geriet. Bereits 1848 seien mehr Rechte für Frauen gefordert worden, die Männer hätten allerdings gefunden, dass das andere Geschlecht „zu politischem Denken und Handeln unfähig“ sei. In hohem Sprechtempo arbeitete sich die Doktorandin der Uni Heidelberg voran – über Höhen und Tiefen der Bewegung, die schließlich 1918 zum Ziel kam und damit Vorreiter vor den USA, Großbritannien und Frankreich wurde.

Die Emanzipation war damit noch lange nicht am Ziel; erst 1957 wurde der „Gehorsamsparagraf“ abgeschafft – §1354 des Bürgerlichen Gesetzbuchs gab dem Mann das Recht zur Entscheidung über alle Angelegenheiten des ehelichen Lebens.

Regeln fürs Parlament


Brantner griff den Faden auf: Wenig familienfreundliche Arbeitszeiten und die traditionelle „Präsenzkultur“ in deutschen Betrieben verhinderten eine wirkliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Im Europaparlament sei im Jahr der dänischen Ratspräsidentschaft am effektivsten gearbeitet worden; um 17 Uhr sei Schluss gewesen, ständige Wiederholungen ausgeschlossen. Anders im Bundestag, wo die Regel gelte: „Das haben wir zwar schon alles gehört, aber noch nicht von jedem.“ Dort habe es keine Stillräume gegeben, dafür aber namentliche Abstimmungen um 23 Uhr; erst die Gruppe „Eltern im Parlament“ – mit ihr fraktionsübergreifend Katja Kipping und Christina Schröder – habe Verbesserungen durchgesetzt.

Fehlende Lohngerechtigkeit, die Schaffung von Verbandsklagemöglichkeiten und schließlich die Frauenquoten in der Politik waren ihre Themen: Brantner kritisierte eine bundesweite Quote von nur 25 Prozent Frauen in den Gemeinderäten, 30,9 Prozent im Bundes- und im Schnitt 30 Prozent in den Landtagen. „In Thüringen sind es 41 Prozent, wir sind in Baden-Württemberg mit 25 Prozent Schlusslicht.“ Immerhin: Die GLH habe ihre Kandidatenliste mit jeweils 50 Prozent Frauen und Männern besetzt, erklärte Helmes eingangs; außerdem seien 80 Prozent der Vorstandsmitglieder weiblich.

Im Übrigen 100 Prozent der Musikerinnen an diesem Tag: Nassim Alizadeh und Lena Lay vom Ensemble „36 Finger“ musizierten zwischen den Ansprachen und noch einmal nach Brantners schwungvoller, finaler Aufforderung: „Auf in die nächsten Kampfesrunden!“ Die dann aber erst mal beim Sektempfang ausdiskutiert wurden. stk